Reisetagebuch Patagonien 15.11.06
Nach einem gemütlichen Frühstück werden wir mit Taxis abgeholt und fahren zu RENACER, einem ehemaligen Grundig-Betrieb. Nach einer herzlichen Begrüßung erzählen uns die Kollegen von ihrem Kampf um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze seit 1996.Die Fabrik wurde 1980 von Grundig aufgebaut, damals noch unter den Bedingungen einer Freihandelszone. Zu der Zeit arbeiteten 1.500 Leute dort. 1996 sollte die Fabrik stillgelegt werden. Nach Protesten der Arbeiter bildete die Regierung zusammen mit der Gewerkschaftsführung eine „falsche Kooperative“, wie die Kollegen heute sagen. Denn nach 4 Jahren sollte Schluss sein und die Arbeiter sogar noch Geld investieren und Gesellschafter werden. Im Jahr 2000 wurde dieser Betrug offensichtlich. Als die Maschinen abtransportiert werden sollten, starten 50 der 350 noch vorhandenen Arbeiter eine Besetzung, zunächst im Zelt vor dem Tor. Für 20 Mio. Pesos sollte die Fabrik verkauft werden und die meisten Kollegen glaubten der Regierung, dass dies das Beste sei, damit sie ihr Geld wieder zurückbekommen würden. Die 50 Kollegen entschlossen sich dann zur Besetzung der Fabrik, damit sie die Maschinen und Hallen unter Kontrolle hatten. Sie brachen das Tor auf und gingen rein. Seit 7 Jahren kämpfen sie um den Aufbau einer echten Kooperative.
Zur Zeit arbeiten 100 Leute da, mit einem Lehrling. Sie sind stolz auf ihren bisher erreichten Erfolg, mit dem sie in ganz Argentinien als ein Vorbild bekannt sind. Am 6. Dezember steht die Entscheidung der Regierung an, dass die Kooperative als Eigentümerin der Fabrik anerkannt wird.
Ihre Selbstverwaltung beruht auf verschiedenen Prinzipien:
1. gleicher Lohn für gleiche Arbeit,
2. Rotation auf allen Arbeitsplätzen, einschließlich der Verwaltung,
3. Frauen verdienen so viel wie Männer.
4. Beratung des Verwaltungsteams durch einen Kontrollrat, in dem aus jeder Abteilung Vertreter sitzen.
Die Arbeitszeit ist momentan 6 Stunden, auf individuelle Unterschiede wie Krankheit oder Alter wird Rücksicht genommen. Sie verdienen jedoch wenig Lohn: durchschnittlich verdient ein Arbeiter in Ushuaia 2.000 Pesos im Monat, sie bekommen jedoch nur 600 Pesos.
Im Mittelpunkt unserer Diskussion stand die Frage, wie sie damit fertig werden, dass sie dem kapitalistischen Konkurrenzkampf standhalten müssen und gleichzeitig als Arbeiter ihre Interessen wahren müssen. Monika, die Sprecherin, sagte, dass dies eine tägliche, harte Auseinandersetzung ist. Sie sind stolz auf ihre guten Produkte und auf ihren solidarischen Zusammenhalt. Beeindruckt besichtigen wir die momentan still stehende Fabrik, da es nur wenige Aufträge gibt. Höhepunkt ist wieder das köstliche Asado.....! Wir singen noch ein Lied und zurück geht’s ins Hotel – zu unserem Erstaunen im Schneegestöber!
Auf dem Flughafen angelangt, wird’s immer doller und wir sitzen über eine Stunde in der Maschine und warten, ob der Pilot starten kann. Plötzlich reißt der Himmel auf, die Berge sind wieder zu sehen und der Pilot gibt Gas! Nach insgesamt 6 Stunden landen wir erschöpft, aber zufrieden in Buenos Aires.


1 Comments:
Hallo liebe Argentinienreisende!!!
Jetzt sind wir also schon wieder zurück! Ich habe mir unser Tagebuch jetzt noch mal in aller Ruhe zu Hause durchgelesen. Ich finde es ist insgesamt sehr gut gelungen! Es war eine tolle Idee von Uwe das Tagebuch online zu machen!
Noch ein Dank an people-to-people!!! Es war eine tolle Reise, einfach unvergesslich! Die Organisation war klasse gelöst! Ich würde jeder Zeit wieder mit fahren!
Liebe Grüsse Lea
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